Etwas fehlte!
Verärgert betrachtete Xandor den Puppenkopf in seiner Hand.
Etwas Entscheidendes, etwas, das dem Kopf Persönlichkeit gab. Leben. Nicht die bloße Darstellung eines Typus, Lehrer, Arzt , Mutter.
Was war es nur?
Die Ratlosigkeit machte ihn wütend, er legte den Puppenkopf beiseite. Seine Schultern schmerzten, auch seine Handgelenke. Beim Aufstehen verspürte er wieder dieses Stechen in der Hüfte.

Sein Alter, ja . Aber das hatte ihn bislang nicht gestört. Seit Jahrzehnten – er hatte keine rechte Erinnerung an die Zeitabläufe – war diese Werkstatt sein Refugium, seine Welt. Allein die Arbeit war sein Leben.

Und wie hatten sie ihn gepriesen. Xandor, der Meister; Xandor, der Gott der Marionette!

Welch Unfug! Wer war er schon. Nie hätte er sich verglichen mit einem Bille, Schröder, einem Griebel. Oder einem Myawaddi U Sa, aber es wäre ihm auch nie eingefallen, das Material zu wechseln. Ihm ging es ausschließlich um Holzpuppen und all die Jahre war es ihm leicht gefallen, das Holz zu ertasten, seine Eigenheiten zu erfühlen und zu verarbeiten.

Jeder Kunde, der die Werkstatt durch die alte Tür mit den vier kleinen Fenstern betrat,war ihm ein mögliche Inspirationsquelle gewesen. Eine Aufforderung, das Besondere dieses Menschen zu erfassen und in einer nächsten Puppe wieder erstehen zu lassen. Nicht das Abbild – niemand erkannte sich in seinen Puppen wieder, eher der Versuch, Mimik und Gestik, man konnte sagen, die Persönlichkeit im Holz zu erfassen.

Wenn die Kunden wiederkamen, kauften sie überzufällig jene Puppen, für die sie selbst Vorbild gewesen waren, ohne das jemals einer dieses Umstands gewahr wurde.

Das gelang ihm mitunter auch bei jungen Frauen, deren (jeder andere hätte gesagt puppenhaftes) Äußeres weniger Leben versprühte als er seinen Werken einhauchte.

Diese Quelle schien nun versiegt.

Er fühlte sich ausgelaugt,verbraucht. Sein Blick wanderte an den Puppen entlang, aber er sah nur totes Holz, aufgefädelt, trostlos aufgereiht.

Seine anfängliche Wut war verraucht, Verzweiflung machte sich breit. Was war er, wenn nicht Puppenmacher?

Immer rastloser suchte er nach Halt.

Ein Wurzelholz stach ihm ins Auge. Er kramte es hervor, aus einem Gewühl von Hölzern, das in einer Ecke lagerte. Er nahm es an sich, roch daran, seine Finger umfuhren langsam die einzelnen Verzweigungen. Ahorn! Er konnte sich nicht entsinnen, damit gearbeitet zu haben. Währen seine Hände die samtene, wie sandgestrahlte Oberfläche ertasteten,, beruhigte sich sein Gemüt. Eine Idee nahm Gestalt an.

Dies war seine Rettung!

Eine Puppe, nur aus ihm selbst erschaffen. Ohne Einflüsse anderer. Die seine Erfahrungen umfassen würde, sein Eigenheiten, seine Person!

Er stellte das Holzstück vor sich auf den Tisch. Immer wieder glitten seine Finger über das Holz, seine Maserungen, suchten nach Ansätzen für Kopf, Rumpf, Glieder.

Eine neue, fiebernde Unruhe ergriff ihn. Behutsam, aber getrieben von einer brennender Ungeduld setzte er die Säge an. Er spannte das erste Stück in die Drehbank, begann, es mit Hobel und Meißel zu bearbeiten. Auch nach Stunden hatte er den Eindruck, der Torso sei eigentlich von allein entstanden. Zeit hatte jede Bedeutung verloren. Schließlich übermannte ihn der Schlaf, ebenso unruhig wie sein Schaffen. Bilder des Torso umspielten ihn, eines Armes, der Hände. Er sah sich, wie er an sich selbst arbeitete, monströs vergrößert, Bilder der Werkstatt, eigentümlich verzerrt. Kaum erkannte er den Übergang vom Schlaf zum Wachen, immer besessener arbeitete er, immer drängender wurden seine Träume. Nichts von seiner Umwelt drang mehr zu ihm durch. Er fühlte sein Gelingen. Welch ein Rausch, eine fertige Hand zu sehen.

Dann ließ ihn ein jäher Schmerz zu Boden stürzen. As ob sich ein Eispickel in seinen Schädel bohrte.

Nein, nicht jetzt! Auch das durfte ihn nicht hindern. Mühsam kämpfte er sich wieder auf seinen Platz. Seine Schultern, sein Hände brannten, In seinen Knien glühte ein Feuer. Ihm war, als ob er fieberte. Nur wach bleiben; das Eine mußte getan, mußte vollbracht werden.

Schließlich war sie vollendet. Zitternd verband er die letzten Ösen, dann setzte er sie vor sich auf den Tisch.

Das war sie. Das war er!
Oder nicht?
Schon wieder zweifelnd musterte er die Figur. Seine Finger versuchten sich zu vergewissern, auch wenn er sich vor Schmerzen kaum mehr rühren konnte. War er das? Er konnte seinen Blick nicht abwenden, verharrte statuengleich vor seinem Werk, bis endlich sein Kopf auf die Tischplatte fiel.

Noch bevor sein erschöpftes Herz zu schlagen aufhörte, schloß er die Augen.

Und öffnete sie wieder.
Er bewegte sich nicht.
Leichte Schauer überliefen seinen Körper. Als ob seine Glieder sich erst finden mußten. Das Atmen fiel ihm schwer, der Brustkorb wie eingeschnürt. Verwundert blickte er auf den riesigen Kopf, der zwischen seinen Beinen lag. Speichel war ihm aus dem Mundwinkel gelaufen und bildete eine kleine Pfütze. Er hob seine Hand, ließ seine Finger spielen, anfangs ungelenk, schnell harmonischer. Eine Art Haut bildete sich auf ihnen, die seine Glieder umwuchs.

Der Kopf zwischen seinen Beinen schrumpfte zusehends, hatte vielleicht noch die Größe einer Melone. Auch die Gesichtszüge änderten sich, wurden gröber. Die spärlichen Haare wie Borsten.

Die ganze Gestalt rutschte mehr und mehr zur Tischkante; anscheinend schrumpfte auch der Körper mit.

Oder wuchs er selbst?

Er spannte seine Hüften und schwang sein Bein über den Kopf. Dann sprang er auf den Boden. Kaum konnte er über den Rand des Tisches blicken

Was war das für ein Raum?

All diese Werkzeuge, Sägen, Feilen. Eine Drehbank. Und am Fenster Stoffe, Leder, Pinsel, Farben. An einer Wand hingen in drei Reihen übereinander Puppen. Teils unfertig, teils vollständig bekleidet und bemalt.

Eine Puppenwerkstatt!
„Dann bin ich also Puppenmacher:“
Tiefe Zufriedenheit durchströmte ihn. Er räkelte sich, durchschritt den Raum.

Das Atmen fiel jetzt leichter. Es schien ihm, daß er mit jedem Atemzug freier würde, größer.

Es spürte seine Muskeln. Alles war bereit.

Auf dem Stuhl erblickte er die zusammengesunkene Figur einer Gliederpuppe. Aus den Knien, Hüften, Schultern, Handegelenken, aus dem Kopf staksten unförmige Metallösen.

Der nahm sie auf, sah in die stumpfen, leblosen Augen. Seltsam unvollendet wirkte sie. Nachdenklich hängte er die Puppe zu den anderen, musterte sie lange. Blickte die Reihe entlang, wieder zurück.

Dann lächelte er.
„Dich werde ich Xandor nennen!“

KlausH